Im Reichstag mit Tauss

Am vergangenen Freitag führte Jörg Tauss (MdB) eine Besuchergruppe durch den Berliner Reichstag. Die Süddeutsche hat bereits die wichtigsten Fakten zusammengetragen. Trotzdem möchte ich hier meine persönliche Sicht auf das Ereignis wiedergeben und ein paar Bilder posten.

Das Paul-Löbe-Haus

Das Paul-Löbe-Haus

Ich hatte schon länger mal vor, mir den Reichstag nach der Modernisierung und dem Einzug des Bundestages anzuschauen. Allerdings war die Ankündigung der Führung auf Twitter die erste passende Gelegenheit, die es geschafft hat, in meine Wahrnehmung vorzudringen.

Ich überlegte zwar kurz, da Tauss mit den aktuellen Vorwürfen zum Besitz und Verbreitung von Kinderpornografie nicht unumstritten ist. Allerdings finde ich einerseits die Vorverurteilung durch die Medien unerträglich und andererseits seine Stellungnahme zu den Vorwürfen glaubhaft. Ob dies nach deutschem Recht zulässig ist, muss am Ende ein Gericht klären, nicht die Presse.

Begrüßung durch Jörg Tauss

Begrüßung durch Jörg Tauss

Viel erschreckender finde ich jedoch, dass eine Familienministerin zur Durchsetzung ihrer Ziele Bilder von Kindesmissbrauch Journalisten vorführen darf, ohne Strafe fürchten zu müssen.

Zudem, wann hat man schon einmal die Gelegenheit, sich von ein langjährigen Mitglied des Bundestages durch das Gebäude führen zu lassen? Also meldete ich mich an.

Zunächst, ich bin kein Mitglied der Piratenpartei. Bei der Ankunft fühlte ich mich aber unter den vielen Piraten-T-Shirts schon ein wenig seltsam. Denn viele Piraten waren quer durch die Republik angereist, und nutzen die Begegnung mit dem prominenten Parteimitglied als Einstimmung auf die “Freiheit statt Angst” Demo am Samstag. Und das finde ich bemerkenswert, denn bei vielen Berlinern ist es mir nicht gelungen, sie zur Teilnahme zu motivieren, obwohl die Demo praktisch vor ihrer Haustür stattfand.

Im Paul-Löbe-Haus

Im Paul-Löbe-Haus

Als erste Etappe galt es, die Sicherheitskontrolle im Paul-Löbe-Haus zu passieren. Es machte sich ein wenig Flughafenstimmung breit, aber nach wenigen Minuten durften wir das Gebäude betreten. Hier gab es nun die offizielle Begrüßung. Zu meiner Freude war Fotografieren überall erlaubt. Ich habe trotzdem versucht, mich bei den Teilnehmern etwas zurück zu halten, da ich vermute, dass hier viele der Veröffentlichung des Bildes eher kritisch gegenüber stehen dürften.

Auf der Fraktionsebene

Auf der Fraktionsebene

Dann durften wir in einem Konferenzraum Platz nehmen, dem des Bildungsausschusses. Ein relativ zweckmäßig eingerichteter kleiner runder Saal mit Mikrofonen an jedem Platz und einer kleinen Klappe, die zwei Steckdosen und einen ISDN-Anschluss verbirgt. Hier erfuhren wie einiges interessantes über die Ausschussarbeit. Trotz seiner Mitgliedschaft in der Piratenpartei war die SPD ein ständiges Thema. Schließlich war sie für mehrere Jahrzehnte Tauss’ politische Heimat. Die Stimmung schwankte dabei allerdings zwischen ein wenig Wehmut über das Zerwürfnis und kleinen Sticheleien gegen die ehemaligen Parteigenossen.

Tauss zeigt den Piratenstuhl

Tauss zeigt den Piratenstuhl

So führte uns der Weg durch den Tunnel ins Reichstagsgebäude und nach mehreren Zwischenstops auch in den Fraktionssaal der SPD. Meine Beobachtung “Ich sehe hier keine Steckdosen” hat es sinngemäß in den SZ-Artikel geschafft, sollte aber eher als Einleitung zur Frage nach der generellen Nutzung von Laptops dienen. Dies scheinen die Abgeordneten sehr unterschiedlich zu halten. Nach Tauss’ Aussage gib es schon einige, die sie sehr intensiv nutzen. Allerdings müsse man immer im Vorhinein für gut geladenen Batterien sorgen. WLAN gib es im Reichstag nicht. Präsentationsmöglichkeiten sind wohl nur in den Ausschussräumen vorgesehen. Im Bundestag gilt immer noch das reine gesprochene Wort, auch wenn eine Grafik oft hilfreich wäre.

Es folgte ein Besuch auf der Zuschauertribüne des Plenarsaales, natürlich mit Besichtigung des einzeln stehenden Piratenstuhls. Als normaler Besucher darf man den Saal selbst nicht betreten. Somit bleibt eine letzte Hürde an diesem Politik-zum-Anfassen-Abend bestehen.

Die Reichstagskuppel

Die Reichstagskuppel

Letzte Station war die Reichstagskuppel. Durch einen Seitengang kamen wir ganz ohne Anstehen in den Besucherbereich. Nur unsere Taschen wurden noch einmal durchsucht. Und prompt gab es etwas zu beanstanden: Nachdem es Greepeace in der letzten Woche gelungen war, ein Transparent am Reichstag anzubringen, waren die Beamten etwas übervorsichtig und beschlagnahmten eine Piratenflagge.

Die neue Glaskuppel des Reichstages ist tatsächlich sehr beeindruckend, besonders im Dunkeln. Und obwohl mir mein neues lichtstarkes Alltagsobjektiv (Sigma 17-50 f/2.8) den Abend über gute Dienste geleistet hat, habe ich hier mein Stativ ein wenig vermisst. Aber wer weiß, wie die Security auf so etwas reagiert hätte. Und so besann ich mich auf den Satz von Chris Marquardt “Die Welt ist mein Stativ” und legte die Kamera so gut wie möglich aufs Geländer auf.

Spiegel zur Beleuchtung des Plenarsaales mit Tageslicht

Spiegel zur Beleuchtung des Plenarsaales mit Tageslicht

Der Abend endete beim Bier in einer nahe gelegenen Kneipe, wobei ich die Chance hatte den Rest der bunt gewürfelten Gruppe etwas genauer kennenzulernen. Ein netter Ausklang mit durchweg netten Menschen. Somit sind mir die Piraten noch ein Stück sympathischer geworden.

Ich habe noch ein paar weitere Bilder zu Flickr hochgeladen.

Nachtrag: Hier nochmal der Link zu den Bildern der “Löschen statt Sperren” Demo, bei der Tauss zur Piratenpartei übergetreten ist.

3 Responses to “Im Reichstag mit Tauss”


  • schöner Bericht. Ich sollte mir den Reichstag/Bundestag auch mal wieder ansehen. Leider wird das nicht mehr mit MdB Jörg Tauss klappen … oder vielleicht kommt er ja doch bald für die Piraten in den Bundestag ?!

  • Soweit ich weiß, strebt er keine Ämter mehr an und steht auch nicht auf der Liste. Somit könnte das tatsächlich die letzte Führung in dieser Form gewesen sein.

  • Er wollte die Belastung durch seine mediale Vorverurteilung für die Piratenpartei minimieren und hat daher keine Ämter, keinen Listenplatz und nichteinmal eine Direktkandidatur angestrebt. Wenn das Verfahren mit einem Freispruch endet (was ich bei Rechtstaatlichem Verlauf stark erwarte) kann er bei der nächsten BTW wegen mir sehr gerne Antreten, sollte ich dann im Passenden Landesverband sein werde ich für ihn stimmen, da er wohl der kompetenteste Politiker im Bereich Internet ist und hervorragend argumentieren kann.

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